Verletzungen des Fesselträgers (M. interosseus medius) zählen zu den häufigsten Sehnenerkrankungen bei Sportpferden. Besonders Spring- und Dressurpferde sind betroffen, da der Fesselträger bei jeder Landung oder Versammlung enorme Zugkräfte aufnehmen muss. Die Regeneration dieses komplex aufgebauten Bandmuskels stellt hohe Anforderungen an das Rehabilitationsmanagement. In diesem Zusammenhang rückt zunehmend die neuromuskuläre Elektrostimulation (NEMS) als ergänzende Maßnahme in den Fokus – doch was ist tatsächlich dran?
Physiologische Grundlagen
Die neuromuskuläre Elektrostimulation nutzt elektrische Impulse, um gezielt Muskelkontraktionen auszulösen. Im Gegensatz zur transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS), die primär der Schmerzlinderung dient, zielt NEMS auf den Erhalt oder Wiederaufbau von Muskelmasse und Verbesserung der intramuskulären Durchblutung ab.
Durch die elektrische Aktivierung motorischer Einheiten kann selbst in Phasen eingeschränkter Bewegung ein trainingsähnlicher Reiz gesetzt werden. Beim Pferd wird NEMS vor allem an der Gliedmaßen- und Kruppenmuskulatur eingesetzt, um muskuläre Atrophien nach Lahmheiten oder Boxenruhe entgegenzuwirken.
Bedeutung bei Fesselträgerläsionen
Bei einer Fesselträgerverletzung kommt es in der Regel zu einer monatelangen Entlastung der betroffenen Gliedmaße. Das führt sekundär zu einer Reduktion der Stützmuskulatur – insbesondere im Bereich des Unterarms, des Sprunggelenks und der Hinterhand. Diese muskuläre Schwächung kann die Heilung indirekt verzögern, da sie die Belastungsverteilung im Bewegungsapparat verändert.
Hier setzt NEMS an: Durch die aktivierende Muskelstimulation ohne mechanische Überlastung kann die Muskulatur bereits während der Heilungsphase moderat trainiert werden.
Eine 2018 veröffentlichte Studie von Fleming et al. (Equine Veterinary Journal, 2018) zeigte, dass die wiederholte elektrische Stimulation der Glutealmuskulatur bei Pferden mit chronischen Lahmheiten zu einer signifikanten Verbesserung der Muskelstoffwechselaktivität führte. Auch Licka et al. (2009, American Journal of Veterinary Research) berichteten über positive Effekte auf die Muskelperfursion und den Tonus, wenn Elektrostimulation im Rahmen einer strukturierten Reha angewendet wurde.
Wissenschaftliche Evidenzlage
Während für den Menschen zahlreiche Metaanalysen die Wirksamkeit neuromuskulärer Elektrostimulation bei Sehnen- und Muskelverletzungen stützen, ist die Datenlage beim Pferd noch begrenzt. Die vorhandenen tiermedizinischen Studien legen jedoch nahe, dass NEMS:
- Muskuläre Inaktivitätsatrophie reduziert
- Die lokale Mikrozirkulation verbessert
- Die Kollagensynthese und den Zellstoffwechsel in angrenzenden Geweben positiv beeinflusst
Wichtig ist jedoch: Die Elektrostimulation ersetzt kein aktives Bewegungstraining. Sie ist eine ergänzende Maßnahme, die idealerweise mit kontrollierter Belastungssteigerung, manueller Therapie und koordinationsfördernder Bodenarbeit kombiniert wird.
Praktische Anwendung und Grenzen
In der Praxis hat sich NEMS besonders in der Subakutphase der Heilung bewährt – also dann, wenn der Fesselträger noch nicht voll belastet, das Pferd aber schmerzfrei im Schritt geführt werden kann.
Die Elektroden werden je nach Zielmuskulatur über dem Muskelbauch der Hinterhand oder des Unterarms platziert. Reizstromgeräte mit variabler Frequenz (20–80 Hz) ermöglichen es, unterschiedliche Muskelfasertypen zu aktivieren. Eine Sitzung dauert typischerweise 15–30 Minuten, zwei- bis dreimal pro Woche.
Grenzen bestehen bei starkem Ödem, akuter Entzündung oder offenen Wunden – hier ist NEMS kontraindiziert. Auch eine unkontrollierte Eigenanwendung ohne tierärztliche Begleitung kann mehr schaden als nutzen.
Fazit
Neuromuskuläre Elektrostimulation kann bei Pferden mit Fesselträgerverletzungen eine sinnvolle und wissenschaftlich begründete Ergänzung der Rehabilitation darstellen. Sie hilft, muskuläre Degeneration zu verhindern, fördert die Durchblutung und kann so die Belastbarkeit des Bewegungsapparats nach der Heilung verbessern.
Entscheidend ist jedoch der fachgerechte Einsatz im Rahmen eines individuell abgestimmten Rehaplans – in enger Abstimmung zwischen Tierarzt, Physiotherapeut und Besitzer.
Literatur (Auswahl)
- Fleming, K., et al. (2018): Neuromuscular electrical stimulation in the rehabilitation of equine muscle atrophy. Equine Veterinary Journal, 50(6), 748–755.
- Licka, T., et al. (2009): Changes in muscle perfusion following neuromuscular electrical stimulation in horses. American Journal of Veterinary Research, 70(8), 998–1005.
- Lake, D.A. (1992): Neuromuscular electrical stimulation. An overview and its application in the treatment of sports injuries. Sports Medicine, 13(5), 320–336.
- McGowan, C. (2008): Clinical aspects of tendon and ligament injuries in the horse. In Practice, 30(5), 274–282.

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